Mittwoch, 26. April 2017

Dr. Unkos Kanji Drill - Kanjilernen für's Klo




Hey Leute,

Dachtet ihr euch beim stressvollen Japanischlernen nicht auch oft:


"Kanji sind echt !"


Japanische Grundschüler sind der exakt gleichen Meinung, wenn sie die ersten chinesischen Schriftzeichen in der Schule lernen müssen. Doch zum Glück gibt es jetzt den "Unko-Kanjidrill"!



(Unko = )

Doktor Unko steht einem dort hilfreich zur Seite und bringt euch die Kanji mithilfe von anwendungsorientierten Beispielssätzen bei.

Zum Beispiel:

"Ich stecke die Kerze in die !" Wer wollte das nicht immer schonmal sagen können, um das Eis beim ersten Kennenlernen zu brechen?



Und wenn man dann all die Kanji erfolgreich gelernt hat, dann bekommt man den Unko-Leistungsnachweis, mit dem man dann in der Grundschule angeben kann.

Wer das ganze Buch mit seinen knapp 100 Kanji schafft, der ist dann auf der selben Stufe wie ein japanischer Grundschüler im ersten Jahr. Glückwunsch!



Was denkt ihr? Würdet ihr euch der Challenge von Lehrer Unko stellen? Oder habt ihr das Kanjilernen schon in die Toilette getreten?

Bin gespannt! 


Dieser Beitrag stammt von meiner Facebook Page: "Tokyo, der Moloch und Ich

Schaut doch mal vorbei, wenn ihr Zeit habt! :D

Montag, 5. Dezember 2016

Mein Weg zum Job - Arbeiten in Japan



In den letzten beiden Artikeln zum Thema: "Arbeiten in Japan" habe ich relativ allgemein versucht zu erklären, was einen bei japanischen und internationalen Firmen in Japan erwartet. Wer sie verpasst hat, kann kurz hier reinschauen:

Arbeiten in Japan - Der japanische Weg

Arbeiten in Japan - Der internationale Weg


Doch bisher bin ich meinen Lesern schuldig geblieben, wie zur Hölle ich denn nun meinen Job in Japan bekommen habe. Welche Kurse haben mich weiter gebracht? Welches Japanischlevel hat mir am Ende den Job verschafft? Welche Skills waren hilfreich und was aus dem Studium benutze ich noch heute? Noten? Und vor allem: Welche Praktika und Nebenjobs waren nützlich beim Ergattern meines Jobs? 

Diese Fragen will ich beantworten, damit sich findige Japanologen ein Bild machen können und vielleicht inspiriert werden. Doch auch Nicht-Japanologen sollten nicht gleich wegschalten. Ich denke meine Erfahrungen könnten hilfreich werden, allgemein für jeden der einen Job in Japan sucht. Doch hier noch einmal der Hinweis: Das sind alles meine persönlichen Erfahrungen. Wenn ihr andere gemacht habt, dann lasst es mich wissen!

Mein Weg zum Job - Arbeiten in Japan
(Lesedauer etwa 10 Minuten)

 Bevor wir anfangen, will man als Leser aber vielleicht erstmal etwas über den Job wissen, den ich jetzt habe. 

 Ich arbeite für ein deutsches Start-up Unternehmen in Tokyo ("SCHMATZ"), das gerade dabei ist eine Kette an deutschland-inspirierten japanischen Kneipen zu etablieren. Das klingt ein bisschen umständlich, deswegen sage ich oft einfach nur "deutsche Restaurantkette", was so nicht ganz richtig ist. Denn keiner von uns will ein "typisch deutsches" Restaurant aufbauen. 

 Wir folgen mehr dem "Hybrid-Food"-Trend, der das beste aus verschiedenen Landesküchen zusammenbringt, um den Gästen immer wieder neue Gerichte zum Ausprobieren anbieten zu können. Also nicht streng "deutsch". Auch ist ein Standbein von uns das Brauen eigenen Bieres, was oft zu unrecht unter den Tisch fällt. 

 Um es kurz zu machen: Der Job ist für mich megaspannend, da ich mit den jungen Unternehmern etwas ganz Neues aufbauen und meine Stärken und Interessen einbringen kann.


Der Job den ich mache verlangt im Grunde 3 Dinge von mir:


Event-Management, 
Restaurant-Management und 
Marketing mit Schwerpunkt Social Media. 

 Keines der drei Felder habe ich jemals studiert und diese Felder kann man auch nicht wirklich studieren (okay, manche sicherlich schon mittlerweile, aber wir reden hier von vor sechs Jahren).

 Es gab auch keine Möglichkeit mich auf genau diesen Job vorzubereiten, denn vor 6 Jahren hatte ich schlicht keinen Plan, dass so eine Chance mal kommen würde. Wie also konnte ich die Bedingungen, die der Job an mich stellte erfüllen? 

 Im Grunde bin ich die Sache aber andersherum angegangen. Ich habe mich nicht dem Job angepasst, den ich mal haben will, sondern ich bin nur meinen Interessen gefolgt und habe dann geschaut, welcher Job am besten zu diesen passt. 

 Das war gut, da ich immer machen konnte was ich wollte, aber schlecht, weil ich so komplett ins Blaue arbeitete und studierte und nie genau wusste, wo ich mal ankommen würde. 

 Bedingung Nummer 1: Event-Management


 Als Erstsemester war damals schon klar, dass meine Studienwahl brotlos war und ich vielleicht nur in die Arbeitslosigkeit studieren würde. Da waren sich alle um mich herum sicher. Passend dazu war ich damals extrem blank und habe nachts in Müllcontainern der Supermärkte gewühlt (ihr wisst gar nicht wie viele verpackte noch gute Lebensmittel tagtäglich weggeschmissen werden!).

 Da kam das Angebot der Nippon Connection in Frankfurt direkt richtig: Das weltweit größte Festival für japanischen Film suchte Helfer für eine Woche. Belohnung: ein T-Shirt und freie Verpflegung. Eine Woche kostenlos essen? Da war ich sofort dabei. Natürlich hatte ich auch mein brotloses Studium im Kopf, das ich so mit etwas Praxiserfahrung aufpeppen konnte. 

 Daraufhin folgte eine Woche harte Arbeit. Das alte Studihaus musste wie jedes Jahr komplett renoviert werden und so putzten wir die Heizkörper, hingen Laternen auf und strichen die Mädchentoilette rosa. Es klingt zwar bescheuert, aber das alles hat eine Menge Spaß gemacht. Nach ein paar Tagen war das verranzte Zentrum der extrem Linken eine vorzeigbare Location, für ein internationales Publikum. 

 Da habe ich zum ersten Mal Blut geleckt. Mit viel Einsatz und gleichzeitig viel Spaß lässt sich also etwas komplett aus dem Nichts erschaffen, das zehntausend Besucher aus der ganzen Welt erfreut? Das war die beste Erfahrung für mich, als kleiner unbedeutender Japo.  

 Von diesem Moment an wurde ich dem Festival für etwa 5 Jahre treu und arbeitete dort ehrenamtlich unter anderem als Fotografen- und Interviewkoordinator und war im Pre-Selection Team und bewertete jedes Jahr die neusten Filme, die wir schließlich auf dem Festival zeigten. In der Zeit habe ich also viel darüber gelernt was dazu gehört, wenn man Veranstaltungen organisieren will. 

 Die Firma für die ich arbeite hostet nun ebenfalls Events oder wird zu Instituten gerufen, wie z.B. in die deutsche Botschaft oder dem Goethe-Institut, um Veranstaltungen zu schmeißen. Da kommen die Sachen, die ich bei Nippon Connection gelernt habe ganz gelegen. 


Bedingung Nummer 2: Restaurant Management


 Als ich in Tokyo merkte, dass meine Kohle so langsam zur Neige ging (Déjà-vu!) war klar, dass ich einen Nebenjob brauchte. Zumindest wenn ich weiterhin Nahrung konsumieren wollte, die nicht aus dem Mülleimer kam.

 Durch Verena (Internship Japan), die ich über meinen Blog hier kennen lernte, hörte ich damals von der Firma, für die ich jetzt arbeite. Sie schrieb einen kleinen Blogartikel über das erste Restaurant in Akasaka und die Ambitionen meiner Chefs. Ich war sofort geflasht und fühlte mich an Nippon Connection zurückerinnert. 

 Ich dachte: Vielleicht ist es ja irgendwie möglich auch hier mit Eifer an die Sache zu gehen, um das Projekt aus dem Nichts immer größer aufzubauen. Das teilte ich meinen Chef mit und er meinte, er würde mir wo es geht helfen dahin zu kommen, wo ich hin wollte. 

 Dennoch war das hier kein ehrenamtlicher Verein, bei dem jeder NUR seinen Interessen folgen konnte, sondern in erster Linie eine kleine Firma, die gerade eben erst aus dem Nichts auferstanden war. Drei Monate vorher hatten die Chefs noch in einem Food-Truck selbst Würstchen auf den Grill geschmissen, bis sie die Gelegenheit hatten in Akasaka das erste Restaurant zu starten. Also gab es es viel zu tun!

 Das bedeutete für mich relativ früh aufstehen (als Student ist alles vor 12:00 Uhr mittags zu früh!) und ordentlich anzupacken. Mehrmals die Woche, soweit es das Visum erlaubte. Ich lernte den Laden dabei nahezu in und auswendig kennen und meine Kollegen zu lieben. 

 Im Restaurant selbst waren so ziemlich alle Japaner, abgesehen vom Firmenchef, der ab und an mit mir die Schichten leitete. Da ich aber gerade den JLPT N3 gerade so bestanden hatte, konnte ich mich halbwegs (aber mehr schlecht als recht) verständigen (zu dem Zeitpunkt habe ich auch angefangen für den N2 zu lernen und habe den schlussendlich auch gerade so bestanden). 

 Vor allem gefiel mir der Umgangston: Niemand hatte einen Stock verschluckt und höfliches Gerede war nicht gefragt. Das war für mich sehr befreiend, da ich Hierachien und Unterwürfigkeit nicht leiden kann (ich alter Sozi lol).

 Natürlich hatte ich damals meine Fühler bereits ausgestreckt und geschaut ob es nicht irgendwie eine Möglichkeit auf eine Vollzeit-Beschäftigung gäbe. Zur damaligen Zeit sah es da aber noch ziemlich düster aus. Schließlich war das hier noch keine etablierte Firma, sondern ein Start-up, das gerade dabei war Fuß zu fassen. 

 Ehrlich gesagt hatte mir das einen ziemlichen Stich versetzt, da ich insgeheim hoffte hier starten zu können. Ich war auch gerade dabei Shukatsu durchzumachen und internationale Firmen nach Praktika abzuklappern (siehe die letzten beiden Blogartikel). Das lief aber mehr schlecht als recht und ich kam mir vor wie auf einer Odyssey durch den Job-Jungle Tokyos. 

 Da es hier keine Zukunft für mich zu geben schien, beschränkte ich mich erstmal darauf meine Arbeit so gut wie möglich auszufüllen, bis mir ein Ausweg einfiel. Denn vielleicht würde diese Restaurant Management Erfahrung ja irgendwann mal nützlich.   


Bedingung Nummer 3: Social Media Marketing


 Als ich nach Japan kam startete ich meinen Blog hier als Tagebuch. Ich berichtete darüber wie ich besoffen Fahrrad zum Meer gefahren bin mit Jet-Lag, mich über ein japanisches Nazimädchen lustig machte und nervte Leute mit nutzlosen Infos wie man am besten mit der Bahn durch Tokyo fährt. Das aus dem mal mehr werden sollte, war eher nur ein stummer Gedanke in meinem Hinterkopf. 

 Auch Instagram startete ich und postete Fotos von überfüllten Aschenbechern, dem zerzaustem Hund meiner Schwester und Selfies aus dem immer gleichen Winkel. Das auch hier mal mehr draus wurde, lag eher an meiner Neugier an dem ganzen System. 

 Das ging soweit, dass ich anfing auf Iconosquare meine Statistiken zu verfolgen und zu schauen wie viele Likes und Follower ich diesen Monat bekam und fing an zu überlegen wie ich diese Zahlen immer wieder aufs Neue übertreffen konnte. So wurden aus 11 Likes 200 und aus 100 Followern über 3000.

 Meine Facebook Page lief nach dem selben Schema. ich lernte wie und was ich schreiben musste, damit Leute sich dafür interessierten. So wurde aus einer einzeiligen Bildbeschreibung eines nichtssagenden Fotos, eine mehrere Absatz lange, die mit persönlichen Erfahrungen und Hintergrundinformation gespikt war. 

 Um die Hintergrundinfos überhaupt liefern zu können, war es natürlich sehr praktisch, dass ich Japanologie studiert hatte. In Kombination mit Soziologie kann man so viel über die japanische Gesellschaft und Kultur erklären. Im normalen Leben nutzlos (wie manche sagen), aber warum sollte man diese Dinge nicht in eigenen Projekten einsetzen? 

 Denn es gibt so viele Leute, die sich nach einem realistischen Einblick in das "unbekannte Land" Japan sehnen und bis auf ein paar unbeugsame Blogger liefert diese keiner. 

 Durch die stete Analyse und das ständige "Auf die Schnauze fallen" wurde mein Social Media Auftritt immer besser, bis Leute im Restaurant meinten, dass es besser wäre, wenn ich die Social Media Kanäle der Firma übernehmen würde. Das tat ich irgendwann auch. Freiwillig, zusammen mit der Marketingchefin und lernte dabei mich an die Materie heranzutasten, während ich beim Praktikum bei der Japanisch-Deutschen Gesellschaft war.

Das Praktikum dort war eine einmalige Erfahrung und eine der besten Gelegenheiten, die ich kriegen konnte (auch hier hat Verena vermittelt). Aber mit der Zeit wurde ich dennoch langsam ziemlich desillusioniert. Ich hatte das Gefühl keinen Job in Tokyo zu bekommen und arbeitete nur noch vor mich hin. Ich investierte so viel, doch es schien einfach nichts zurückzukommen. 

 Wie viele verschiedene Praktika hatte ich schon gemacht? 3? 5? Es war einfach nur frustrierend. Sicher können das viele, die auf Jobsuche sind und im Strudel aus Praktika gefangen sind gut nachvollziehen. 

 Irgendwann kam dann mein leitender Kollege zu mir und meinte, dass ich ganz gut arbeiten würde. Der Meinung war ich nicht, da ich einfach nur mein Ding machte. Aber er bestärkte mich darin, es nochmal bei Schmatz zu versuchen. 

 Auf seinen Rat hin klopfte ich nochmal bei meinem Chef an, der schon längst nicht mehr selbst in der Küche stand, sondern die Läden aus dem Office heraus leitete. So fragte ich nach einer Chance. 

 Zu meinem Glück hatte sich die Firma sehr gut entwickelt und es war möglich mehr Leute anzustellen. Und das innerhalb eines Jahres. Zudem sprach jeder im Restaurant gut über mich, wodurch sich herauskristallisierte, dass ich für den Job auf jeden Fall in Frage kam. 

 So kam es, dass ich tatsächlich den Job gefunden habe, den ich auch wirklich machen wollte. Wer die anderen beiden Artikel gelesen hat, wird merken, dass ich mich nie in die japanische oder typische Arbeitskultur einfinden konnte und insgeheim immer gehofft hatte, hier zu landen. Es mag naiv klingen, aber ehrlich gesagt hatte ich die ganze Zeit gespürt, dass das hier der richtige Weg war. 


Das Ende vom Lied


 Und so baut mein Job im Grunde auf diesen drei großen Erfahrungen auf: 

 Event-Management, Restaurant-Management und Social Media Marketing. 

 Alles Dinge, die ich nur gelernt und verfolgt hatte, weil sie mich interessierten und weil die Leute mit denen ich zu tun hatte klasse waren. 

 Sowohl mein Studium hat mir geholfen, als auch meine Praktika und Nebenjobs. Aber hätte ich letztendlich "nur Japanologie" studiert, hätte mich mein Chef niemals zum Bewerbungsgespräch gelassen. In Kombination mit all den Erfahrungen und Projekten die mich geprägt hatten, bekam ich aber schließlich meine Chance mich zu beweisen. 

 Deswegen sage ich, dein Studium ist das, was du am Ende daraus machst. Nur ein Abschluss hilft dir nicht. Meine Noten sind hier jedem egal und mein Bachelor-Zeugnis ist mehr wie eine Eintrittskarte in die Jobwelt, egal was drauf steht. Ohne mir meine Fähigkeiten selbst anzueignen, hätte ich meinen Job nicht bekommen. 

 Jetzt bin ich gespannt auf eure Erfahrungen. Wie seid ihr an euren Job gekommen? Oder seid ihr noch in der Praktika-Hölle gefangen? Schreibts in die Kommentare!

BONUSSTAGE: BLUE GROTTO SHIBUYA


Es ist Weihnachtszeit und Shibuya glüht im blauen Licht.

Auf dem Boden liegt Vinyl, das das Licht reflektiert.

Wer das sehen will sollte bis Anfang Januar zum Eingang des Yoyogi-Parks begeben (nicht der Eingang von Harajuku).


Wenn euch mein Geschreibs gefallen hat, schaut doch mal auf meiner Facebook-Seite vorbei, meinem Social Media Hauptquartier!

Oder auf meinem Insta, meiner Abteilung für schöne Fotos!


Oder auf Twitter, wo ich mit bärtigen Autorenkollegen seltsame Themen bespreche!




Montag, 28. November 2016

Arbeiten in Japan - Der internationale Weg


Da ich den japanischen Weg abgebrochen habe, blieb mir jetzt nur noch der wackelige internationale Weg, um in Japan an einen Job zu kommen. Im letzten Artikel haben wir ja schon geklärt, was den japanischen Weg so einzigartig macht. Wer ihn verpasst hat, kann ihn nochmal nachlesen:


Arbeiten in Japan - Der internationale Weg 


(Lesedauer etwa 10 Minuten)

Beim internationalen Weg müsste man eigentlich nicht viel erklären, denn es ist zum Großteil genau das, was wir kennen und hassen. Hier zählt alles: Skills, Erfahrungen und Kontakte. Die Firmen suchen die eierlegende Wollmilchsau.

Jobausschreibungen sehen dann oft so aus, als hätte ein naives Kind im Kindergarten seinen Wunschzettel für Weihnachten geschrieben und einfach alles reingepackt, was ihm eingefallen ist:

“Wir suchen einen jungen Bachelor Absolventen mit 5 Jahren Berufserfahrung.

Wir suchen einen deutschen IT-Profi, der auf Muttersprachlerniveau Japanisch kann.

Wir suchen jemand der die japanische Kultur bis in die tiefste Faser analysieren kann, der aber auch unsere Bilanzen erstellt.“

Wer jetzt denkt, dass man sich für den Einsteigerjob dann doch einfach in der internationalen Firma bewerben könne, täuscht leider. Denn auch in den internationalen Firmen läuft auf Einsteigerbasis alles über den japanischen Weg. Und der fiel schon flach für mich, wie ich im letzten Artikel erklärte.

Die Jobs die es vielleicht für Ausländer gibt, finden sich dann auf höherer Ebene. Und da ist kein Rankommen mit einem einfachen Bewerbungsschreiben als unbekannter Freshman.

Mal checken was heute so geht.

Es ist im Grunde zum Mäuse melken. Um irgendwo reinzukommen braucht man Vollzeitarbeitserfahrung. Aber um diese zu kriegen muss man erstmal eine Chance bekommen, diese zu sammeln.

Es ist also ein Teufelskreis, der einem zwischen Studium und potentiellen Arbeitsbeginn plagt. Und dieses Dilemma plagt einen nicht nur in Europa, sondern auch in Japan.

Trotzdem habe ich es versucht. Mir blieb ja nichts anderes übrig.

Ich habe schnell gemerkt: die großen internationalen Firmen sind wie Schlösser, die von hohen Wänden und Soldaten geschützt werden, um nervige Freshman-Eindringlinge wie mich fernzuhalten. Was man braucht um reinzukommen sind Erfahrungen und Kontakte.

Internship Japan

Eine einfache Möglichkeit um beides zu sammeln sind Praktika. Da das Praktikumssystem in Japan nahezu unbekannt ist bzw. komplett anders funktioniert, wird man hier automatisch auf internationale Firmen treffen.

Praktika waren für mich auch eine einfachere Möglichkeit irgendwo quasi durch die Hintertür reinzukommen. Und vor allem um das eigene Visum zu verlängern. Denn ohne das, ist das Abenteuer Japan sofort beendet.

Die Verena aus der Community, die mit Internship Japan gerade den Arbeitsmarkt in Tokyo aufmischt, hatte da gerade diverse Praktika im Angebot. Ihr verdanke ich einiges an Praxiserfahrung und indirekt auch meinen Job jetzt.

Also kann ich nicht anders, als sie und ihre Organisation weiterzuempfehlen. Schaut mal vorbei:


Immer wieder gibt es Networking Events in Tokyo, die von Internship Japan gehostet werden. Dort treffen Arbeitgeber und Praktikanten aufeinander. Der Deal ist einfach: Firmen brauchen Praktikanten und Praktikanten eine Zukunft. Und ein Visum.

Ich warf mich also wieder in meinen Anzug und hatte an einigen Events teilgenommen. Ein immer wiederkehrendes Event findet in “The Pink Cow” in Roppongi statt. Es dient nicht zwangsweise nur der Praktikavermittlung, sondern vor allem dem Aufbau eines Netzwerks. Und manchmal, ja wirklich, hat auch jemand ein Jobangebot im Gepäck. Also musste ich hin!

In entspannter Atmosphäre können hier die zumeist relativ jungen Unternehmer, mit den jungen Absolventen interagieren. Die großen Firmen waren hier jedoch noch relativ spärlich vertreten. Zumindest war das letztes Jahr noch so. Doch Internship Japan und das Netzwerk wächst von Tag zu Tag. Also lohnt es sich mal vorbeizuschauen.

Kurz vor Ostern beim Networking

Die jungen Unternehmer haben meist selbst wenig Mittel, viele Leute anzustellen. Da springen die Praktikanten ein und greifen den Unternehmern unter die Arme. Und sichern sich so im besten Fall einen guten Draht oder einen potentiellen Job.

Internship Japan ist da auch sehr bedacht darauf, dass alles fair ist zwischen Praktikant und Unternehmen und niemand als billige Arbeitskraft verfeuert wird.

Ich lernte bei dem Networking einen alten Firmenchef kennen, der stets mit einem befreundeten freiberuflichen Journalisten rumhing. Mit den beiden kam ich am besten klar und ich setze mich auch heute immer wieder gerne mit ihnen zusammen, wenn ich sie auf diversen Events wieder antreffe und stoße mit ihnen an. Doch beide illustrierten auch die zwei verschiedenen Welten, die mir hier begegneten:

Der Freiberuflicher repräsentiert die Welt, die selbst im Kampf mit den Begebenheiten der Wirtschaft ist und einem Berufseinsteiger zwar sehr gute Praxiserfahrungen vermitteln kann, aber nicht notwendigerweise eine (sichere) Anstellung.

Der alte Firmenchef steht für die andere Seite, die bereits etabliert ist und nun genau darauf achtet, wer in die Firma darf und wer nicht. Und wenn der Einsteiger keinen konkreten Nutzen hat, dann gibt es auch kein Reinkommen.

Auch hier war eine Anstellung kompliziert. Wer bei ihm reinkommen wollte und kein IT studiert hatte, brauchte “wenigstens” N1 Niveau Japanisch. Wobei N1 schon die höchste Stufe ist.

Die Erfahrungen und Skills, die beim japanischen Weg total egal sind, werden nun im internationalen Weg eingefordert. Nun ging es darum das Richtige studiert zu haben und die richtigen Leute zu kennen. Dazu kommen Skills, die man haben muss, um wirklich eine Chance zu kriegen.

Das verflixte Japanisch

Ein Skill den man bei beiden Wegen braucht ist Japanisch. Als ich nach Tokyo kam, hatte ich den JLPT N3 gerade bestanden. In Noten ausgedrückt wäre das ein “Befriedigend”. Für 5 Jahre Japanisch lernen war das maximal peinlich.

Aber es war wie es war. Ich habe mich erst spät darauf besonnen was wirklich wichtig war im Leben und mich erst spät dafür entschieden überhaupt erst nach Japan zu gehen, auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Auch die Entscheidung mich nun wirklich auf Jobsuche zu begeben kam sehr spät, also musste ich jetzt nehmen was ich hatte.

Eine Weile später habe ich mich noch auf den JLPT N2 hochgeschaukelt, einem Level von dem man sagt, dass man damit in Japan arbeiten könne. Aber das war auch nur die halbe Wahrheit.

Viele Firmen die ich gesehen habe, forderten gleich den N1, also nahezu Muttersprachlerniveau, was selbst für jemanden der fleißiger war als ich, kaum zu schaffen war.


Ein Freund aus der Community meinte, dass es jedoch gut machbar ist in Deutschland sich bis zum N2 zu ackern und dann eine Weile nach Japan zu gehen, um das i-Tüpfelchen aka N1 draufzusetzen. Für Leute mit Weitsicht ist das sicher eine Option. Wer es ernst meint mit dem Japanisch, kann sich ja mal meinen beliebtesten Blogartikel ansehen:


Noch ein Hinweis bevor es Diskussionen gibt: Das sind nur meine Erfahrungen. Wenn ihr andere gemacht habt, dann sagt mir doch Bescheid. Ein N2 sollte auch reichen für die meisten Jobs. Nur für mich interessante Angebote gingen direkt in die Vollen.

Und Firmen suchen immer die eierlegende Wollmilchsau, wie oben schon erwähnt. Die Forderungen sind da immer unrealistisch hoch. Davon sollte man sich aber nicht abschrecken lassen, denn die Arbeitgeber wissen selbst, dass kaum jemand die Voraussetzungen erfüllen kann. Wer sich beweist und sich gut verkaufen kann, wird trotzdem durchaus eine Chance bekommen können.

Möchtest du ein Teil von uns sein?

Ich spürte dass ich auch hier falsch war. Die Leute waren alle super nett und ich habe auch ein paar super Praktika von Verena vermittelt bekommen, aber es passte nicht. Entweder konnte ich mit den Leuten nicht oder die Leute hatten nichts für mich. Bei meinem Praktikum habe ich zu allem Überfluss auch noch gemerkt, dass mir Büroarbeit von 9:00 bis 18:00 Uhr, 5 mal die Woche überhaupt nicht wirklich liegt.

Mit den Jahren hat sich für mich eine relativ klare Vorstellung von dem herauskristallisiert, wie ich einmal arbeiten will und vor allem was. Ich wollte dabei sein etwas mit meinen eigenen Händen aufzubauen und nicht in einem stickigen Büro versacken. Zumindest nicht jeden Tag, den ganzen Tag.

Alle Optionen die sich mir boten, fühlten sich falsch an. Denn da war noch diese leise Hoffnung im Hinterkopf. Diese eine Sache, für die ich schon so lange gekämpft hatte.

Wer die beiden Artikel bis hier hin gelesen hat wird denken, dass ich einfach verwöhnt bin und alle Optionen von vorn herein ausschlage, anstatt erstmal zu nehmen was kommt. Und dass ich einfach nicht hart genug gelernt oder mich gut genug integriert hätte. Oder dass ich einfach das Falsche studiert hätte. All diese Anschuldigungen treffen zu.

Und trotzdem sind mir diese Sachen egal. Früher hätte ich auch einfach irgendwas genommen, mich als Sprachlehrer versklaven lassen, obwohl ich gar keinen Bock auf sowas hätte. Oder ich hätte mich in die starre japanische Hierachie eingefügt, komme was wolle und mich innerlich zerrieben, nur um eine sichere Stelle zu haben. Doch dafür war ich nicht mehr bereit. Das war nicht woran ich glaubte.

Nun stand ich wieder zwischen den Fronten. Im japanischen Weg werden die Sachen die ich geleistet habe nicht genug gewürdigt und stattdessen sture Loyalität gefordert, der ich mich nicht unterwerfen kann.

Im internationalen Weg hingegen sind die Sachen anscheinend nicht gut genug und die Voraussetzungen unrealistisch hoch. Denn schließlich sprechen wir hier immer noch von Berufseinsteigern, also Leuten die gerade mal mit der Uni fertig sind.

Fazit

Ich glaube dass jeder, egal mit welchen Voraussetzungen er hier ankommt, einen Job finden kann, der zu ihm passt. Das Problem ist es nur, genug Zeit aufzubringen sich auf die Suche zu begeben und offen zu sein, für das was sich richtig anfühlt. Und mit den richtigen Leuten ins Gespräch kommen.

Man muss sozusagen den Sprung wagen und hinter seiner Entscheidung stehen. Auch wenn sie noch so bescheuert ist wie meine. Doch so kam ich letztendlich zu meinem Job hier in Tokyo.

Mehr zu meinem Werdegang gibt es im nächsten Blogeintrag der Reihe: "Arbeiten in Japan"


Wenn euch mein Geschreibs gefallen hat, schaut doch mal auf meiner Facebook-Seite vorbei, meinem Social Media Hauptquartier!

Oder auf meinem Insta, meiner Abteilung für schöne Fotos!


Oder auf Twitter, wo ich mit bärtigen Autorenkollegen seltsame Themen bespreche!




BONUSSTAGE: Wintereinbruch in Tokyo!

Wie in den Nachrichten angekündigt, kam es letzte Woche zum Wintereinbruch in Tokyo. Das Verkehrschaos blieb jedoch aus.

Der Schnee hielt leider nicht lange. Er traf auf den Erdboden und wurde zu matschigen Regen. 

Letztendlich war es dann einfach nur nass und kalt.  
Die Schneeflocken waren so fett, wie im tiefsten deutschen Winter. Da kamen Heimatgefühle auf.

 

Seit 54 Jahren hat es nicht mehr im November in Tokyo geschneit. Mir hat es eigentlich schon gereicht mit der Kälte und der Nässe. 




Samstag, 19. November 2016

Arbeiten in Japan - Der japanische Weg




Nach meinem Auslandsjahr hatte ich mich dafür entschieden länger in Japan zu bleiben und mein Glück mit einem Job zu versuchen. Als jemand der noch keine Berufserfahrung sammeln konnte in einem Vollzeitjob, kam dafür mehr oder minder nur das japanische-Jobhunting in Frage. Es nennt sich “Shushoku-Katsudo” oder kurz: “Shukatsu” für frische Berufseinsteiger.

Wer einen Job bei Sony, Nintendo, Fujifilm, Honda und Co. ergattern will, muss das Shukatsu durchlaufen. Und ich rede hier nicht davon in einer Abteilung für Ausländer als Übersetzer oder Englischlehrer, sondern abseits von diesen “typischen” Ausländerberufen zu arbeiten. Und da ich auf keinen Fall Sprachlehrer oder Übersetzer werden wollte, kam nur dieses System in Frage.

Arbeiten in Japan - Der japanische Weg


(Lesezeit etwa 10 Minuten)

Anders als bei uns ist das Bewerbungssystem in Japan genormt und mehr oder weniger für alle gleich.

Im dritten Unijahr beginnt die Jagd nach einem Arbeitsplatz und zehntausende Studenten versuchen nun in ihrem letzten Jahr an der Universität einen Job zu ergattern. Am liebsten natürlich nicht irgendwo, sondern bei einer großen prestigeträchtigen Firma.

Wer mitmachen will, muss das Frühjahr in Japan abwarten. Anders als bei uns beginnt das akademische Jahr nicht im Herbst, sondern im Frühling. So ist auch der Jobstart für April angesetzt.

Ein Jahr davor beginnt man sich bei den großen Jobportalen zu registrieren wie “My Navi” oder “Riku Navi. Dort haben sämtliche große Firmen ihre Rekrutierungsstellen, wo man sich registrieren kann.

Der Krieg beginnt auf den Shukatsu-Messen

Oder man macht es erstmal wie ich und begibt sich auf sogenannte Shukatsu-Messen, wo jede Firma eine kleine Booth hat und sich im Seminarstil selbst vorstellt. Meine Wahl fiel auf zwei Messen, die explizit an ausländische Studenten gerichtet waren.

Denn auch Japan hat mit der Überalterung der Gesellschaft zu kämpfen und einer niedrigen Geburtenrate. Die Zukunft Japans ist also alles andere als sicher, deswegen beginnt man sich im Ausland nach Talenten umzusehen. Das aber eher sehr widerwillig und irgendwie halbherzig wie mir schien.

Jemand aus der Community meinte mal, dass auf solchen Messen zwar Ausländer gesucht werden, aber gleichzeitig wenig Interesse an europäischen Ausländern besteht. Das war noch zu kurz gegriffen.

Sagt man “Ausländer” stellt man sich im Alltag einen weißen Amerikaner oder Briten vor. Und genau an dieser Art von Ausländern hat man wenig Interesse wie es aussieht. Wenn die Leute auf der Messe großspurig von Internationalisierung reden, dann haben sie ein ganz anderes Bild vor Augen:

"Wenn man schon keinen Japaner bekommen kann, dann will man wenigstens einen Koreaner, der wie ein Japaner aussieht, wie ein Japaner Japanisch spricht, japanische Gepflogenheiten versteht, plus Englisch kann."

So eine Messe dann international zu nennen, finde ich sehr gewagt. Japan versucht sich da ein bisschen die Rosinen herauszupicken und sich zu internationalisieren ohne sich zu weit in die Welt hinaus zu begeben.   

Das wäre nun eine bequeme Ausrede. Wir alle kriegen keinen Job im Shukatsu, weil die Japaner nicht mitspielen. Aber auch das ist nur die halbe Wahrheit.

Ich kenne Leute aus Deutschland die trotzdem in diesem System erfolgreich einen Job gekriegt haben. Es ist also möglich. Aber auch für diese erfolgreichen Leute galt das gleiche wie für den Koreaner:

"Wenn du schon kein Japaner bist, erwarten wir trotzdem von dir so aufzutreten wie ein Japaner, makelloses Japanisch zu sprechen und die japanischen Geflogenheiten perfekt zu verstehen."

Ich kenne Leute, die das hinkriegen. Die dann sogar viel besser Japanisch sprechen, als Englisch und sich bis hin zur Körpersprache perfekt an Japan anpassen können. Ich auf jeden Fall gehöre nicht zu dieser Sorte. N2 bis N1 Niveau solltest du schon haben.

Ich kann zwar durchaus Japanisch und bin auf einem Level, wo ich auch business-mäßig mit Japanern klar komme, aber trotzdem merkt man bei mir:

Der ist der typische Ausländer (wir erinnern uns: weiß). Ich passe mich auch bis zu einem gewissen Grad an, aber ich habe für mich selbst festgelegt, dass ich mich nicht verstellen werde, auch nicht für Japan.

Mit einem bisschen Anstrengung und Anpassung hätte ich mich vielleicht auch durchgebissen, aber umso mehr ich mich mit dem Shukatsu auseinandergesetzt hatte und umso mehr ich über die japanische Arbeitskultur gelernt hatte, umso weniger wollte ich ein Teil von ihr sein.

Hingabe vs Leistung


Anders als in Deutschland, ist es in Japan extrem schwer, überhaupt in die Uni zu kommen. Stichwort: Aufnahmeprüfung.

Dafür aber ist der Abschluss extrem einfach. Sobald du dich immatrikuliert hast, steht dein Abschlusstag bereits fest. Du hast nun also vier Jahre Zeit und absolut keinen Druck irgendwas zu erreichen. Noten sind auch eher so semi-wichtig. Deswegen bedeutet Uni in Japan für die meisten vor allem eins: Party, Halligalli und manchmal ein bisschen Lernen vor dem Trinken.

Eines Tages traf ich einen japanischen Kommilitonen, der jetzt Leader meines alten Uni-Circles ist, vor der Lunchpause. Er wirkte resigniert, weil er seine Senpai über ihm gesehen hat, wie sie jetzt alle ihre Bewerbungsbögen vorbereiteten.

Er meinte, er hätte in seinem Leben noch nie erlebt wie Leute so viel rumlügen und so tun, als würden sie den ganzen Tag hart arbeiten.

Dabei tun sie den ganzen Tag eigentlich nichts anderes als Saufen, Party, Karaoke und im Gemeinschaftsraum chillen anstatt zu lernen, wie er bemerkte. Ihm graute es jetzt davor im nächsten Jahr auch den Personalern die Hucke vollzulügen.

Seminartitel: "Wie passe ich mich am besten in ein festgefahrenes System ein, bevor es kollabiert? "

Doch ich wusste nicht ganz was er meinte. Wir alle hübschen doch unsere Lebensläufe irgendwo auf und stellen uns im besten Licht dar, nicht wahr?

Als ich dann ein Seminar für ausländische Studenten besuchte, das uns auf das Shukatsu vorbereiten sollte, merkte ich aber schnell was mein Kommilitone meinte.

Wir lernten was man in sein Anschreiben reinschreiben sollte, um zu zeigen wie toll man ist. Dafür brauchten wir dieses Schema:

“Ich sitze 6 Tage die Woche in der Unibibliothek und arbeite bis in die Nacht an meinem krassen Projekt (was mir der Professor aufgedonnert hat) und denke jede Minute daran.”

Ernsthaft? Hier geht es nicht darum “smart”, sondern einfach nur “hart” zu arbeiten. Denn das Schlüsselwort um einen Job in Japan zu bekommen, lautet:

“Hingabe”

Wenn du sechs Tage die Woche verschwendest (was eh gelogen ist), dann zeigst du der Firma, wie stark deine Hingabe ist. Und dass du gerne Überstunden machst und wenn es drauf ankommt, sogar dein Wochenende opferst.

Dabei ist keine Rede davon, was du eigentlich kannst oder erreicht hast in deiner Zeit vor der Bewerbung. Der Deal zwischen Student und Firma ist wie folgt:

“Alle wissen dass die Studenten nichts drauf haben nach dem Studium, aber das brauchen sie auch nicht. Die Firma wird viel Zeit und Geld in sie investieren und ihnen in kurzer Zeit alles beibringen was sie wirklich brauchen. Dafür erwartet die Firma aber bedingungslose Hingabe.”

Und die Studenten wissen das. Ich kenne nahezu keinen, der während seiner Unizeit noch irgendwas extra gemacht hat, sprich Erfahrungen gesammelt hat.

Dazu kommt, dass so ziemlich alle Studenten noch bei den Eltern wohnen und von dort aus zur Uni pendeln und gut umsorgt werden. Eigene Verantwortung übernimmt hier (fast) keiner.

Ich stand also zwischen schier endlosen Riegen von Kids und kam mir so super fehl am Platz vor.

Kinder lassen sich noch formen. Wer da schon von seinen eigenen Visionen träumt ist schnell außen vor.

Du hast schon viel Praxiserfahrung? Eigene Projekte gestemmt? Skills? Bist ins Ausland gereist? Ehrenamt? Nett. Aber eigentlich nicht wichtig.

Niemand erwartet dass die Studenten irgendwas können. Was aber erwartet wird ist, dass du dich der Firma hingibst und dich nach ihrer Vorstellung formen lässt. Genau da haben die Kids einen großen Vorteil.

Sie sind wie Lehm, den man nur noch zurecht kneten muss. Wer da schon Erfahrungen und eigene Vorstellungen hat, wie man Probleme lösen könnte, gilt als stur und unberechenbar.

Und man wird auch von den Firmen geformt. Wer sich bei einer Firma bewirbt, weiß noch nicht, welche Position er am Ende eigentlich bekommt. Man kann zwar oft grob etwas ankreuzen, aber im Endeffekt entscheidet die Firma dann einfach selbst, je nachdem was für ein Potenzial sie in dir sieht. Und je nachdem ob du ihr sympathisch bist und dich in der Hierachie einpassen kannst.

Ich hatte dann die ganze Zeit das Gefühl, es geht nicht darum die Firma voran zu bringen, sondern nur das zu verwalten, was vor Jahrzehnten mal aufgebaut wurde.

Das zumindest war mein Eindruck, den ich beim Shukatsu gewonnen habe. Wenn ihr andere Erfahrungen gesammelt habt, lasst es mich unbedingt in den Kommentaren hier oder auf Facebook wissen!

Anpassen oder nicht anpassen

Beim Shukatsu mitzumachen bedeutet auch bei einem festgefahrenen System einzusteigen und sich der japanischen Arbeitswelt auszuliefern, komplett mit der typischen japanischen Arbeitskultur im Gepäck.

Irgendwann stand ich da und betrachtete mich im Spiegel. Gerade hatte ich mit meiner Freundin einen “Shukatsu”-Anzug gekauft. Meine Krawatte war blau und nicht rot wie ich eigentlich wollte (Ich alter Sozi lol).

Aber rot steht für “Leidenschaft und feuriges Temperament”. Ich bin aber eher ein harmonischer Typ, also musste es blau sein. Bis zur Kleiderordnung wird man durchgenormt und in Schubladen eingeteilt. Wer im Shukatsu bestehen will, muss aber all diese bescheuerten Regeln einhalten.

Im Kopf spielte ich die Dinge durch, die ich in einem Ratgeber über japanische Höflichkeit gelernt habe, die wichtig für das Business-Leben würden. Wer saß im Meeting mit dem Rücken zum Fenster? Welche Sitzordnung musste man im Taxi einhalten? Wem schenkte man zuerst den Tee ein? Welche Höflichkeitsstufe benutze ich für welchen beruflichen Rang?

In japanischen Höflichkeitsbeziehungen gilt es immer herauszufinden, auf welcher Stufe man selbst steht (ganz einfach: ganz unten), wer über einem steht und wer den höchsten Rang hat.

Bevor man also überhaupt erst anfangen kann zu arbeiten, müssen erstmal soziale Hierarchie-Spielchen gespielt werden. Das war aber nicht das, was ich mir von meiner beruflichen Zukunft erhofft hatte.

Die neuen Früchte stehen schon bereit.

Für viele mag das ganz bequem sein. Shukatsu bedeutet: sich dem System bis ins kleinste Detail anzupassen. Umso größer deine Hingabe, umso erfolgreicher wirst du. Du musst nur mitspielen und kannst dich dann bequem zurücklehnen.

Was bei uns “Leistung” ist, die du erbringen musst um die Karriereleiter aufzusteigen, ist in Japan “Hingabe”, die du brauchst um dich auf die Karriere-Rolltreppe zu stellen.

Denn sobald du in der Firma bist, wirst du mit jedem Jahr aufsteigen, wenn du dir nichts Großartiges zuschulden kommen lässt. Egal ob du etwas Tolles vollbringst oder nicht.

(Kurzer Einwurf bevor etwas falsch verstanden wird: Das soll nicht heißen, dass die Leute die es im Shukatsu geschafft haben, "nichts" drauf haben. Nein ganz im Gegenteil, ich habe einen heiden Respekt vor dieser Leistung, gerade als Ausländer in Japan. Mir geht es aber eher um den Punkt: "Anpassung" der mich stört und den ich nicht erfüllen kann.)

Nicht einmal Japaner haben Bock auf dieses System und auf das was vor ihnen liegt. Heute bleibt ein großer Teil der Absolventen in Japan ohne Job, was ich gut verstehen kann. Entweder die Firmen finden dich sympathisch und nehmen dir deine "Hingabe" ab oder du bleibst ohne Job, wenn du dich nicht genug anpassen kannst.

Meine Verlobte zum Beispiel wollte das Shukatsu auch nicht und hat dieses System komplett umgangen, indem sie sich einen Vollzeitjob nach dem Austauschstudium in Deutschland gesucht hat.

Wer Vollzeitarbeitserfahrung hat, muss bei dem Quatsch nicht mitmachen. Derjenige darf dann beim Jobwechselsystem mitmachen (Tenshoku) und da zählt dann auch wirklich was man drauf hat und hat mehr Verhandlungsspielraum.

Aber auch wenn du es schaffst, darfst du dich nicht zwangsweise als glücklich betrachten. Im Grunde alle meine japanischen Freunde, die schon arbeiten, kotzen ab. Wortwörtlich. Einige kamen ohne Medikamente nicht mal zur Arbeit ohne zusammenzubrechen.

Da sieht man also wie die eigenen, eigentlich lebhaften Freunde aus der Unizeit, durch die japanische Arbeitswelt zerstört werden und kann nichts machen.

Da jedoch einige der Freunde schon in Deutschland waren, haben diese Personen zum Glück die Möglichkeit nach Deutschland zu flüchten. Und damit weg von Überstunden, die durch Gruppenzwang und massiven Leistungsdruck entstehen.

Diese Dinge sind keine Bausteine für Effizienz und gute Arbeit. Selbst Japaner wissen das, aber "shouganai" (da kann man wohl nichts machen).

Auf meinem Handy blinkten die Nachrichten von Riku-Navi, das Portal, bei dem ich bei der Anmeldung nicht mal meinen Namen in lateinischen Buchstaben schreiben konnte, weil das ganze System nicht auf Ausländer vorbereitet war.

Auf meinem Bett lagen die genormten und bereits vorgedruckten Bewerbungsläufe, wo man einfach seine Daten in die Kästchen einfüllen konnte.

Für außeruniversitäre Aktivitäten war da ein winziges Kästchen mit ein paar Zeilen, in das nicht mal hereinpasste, was ich alles gemacht hatte.

Umso älter man war und umso mehr Erfahrungen man gemacht hatte, umso mehr hat man schon eine Vorstellung von der Welt und von Arbeit. So jemand wird sich kaum einpassen können.

Ich bin aber nicht so weit gekommen, um mich dann komplett dieser alten überholten Hierarchie zu unterwerfen, die im Endeffekt dafür sorgt, dass dieses Land wirtschaftlich seit Jahrzehnten still steht.

Anfangs wollte ich es wirklich versuchen und mich einpassen, aber umso mehr ich darüber lernte und umso mehr ich bei anderen die berufliche Wirklichkeit sah, umso mehr schrillten die Alarmsignale in meinem Kopf.

Das ist nicht der Weg den ich gehen will. Ich passe hier nicht rein, kein Stück. Alles fühlte sich falsch an und ich hatte die ganze Zeit ein flaues Gefühl im Magen.

Wer aber wie ich noch keine Vollzeitarbeitserfahrung vorweisen kann und sich nicht anpassen will, steht zwischen den Stühlen.

Doch trotzdem war irgendwann für mich klar: Ich breche den Quatsch ab.

Ich zog den Anzug aus und ignorierte die ganzen Termine für Einstellungsexamen mit Mathetests (*kopfschüttel*) und Gruppeninterviews wo man seine Meinung vertreten musste wie ein Abiturient im Englischunterricht.

Wer schonmal bei einem Assessment-Center mitgemacht hat, weiß ungefähr wie das läuft.

Aber dieses System war nichts für mich. Ich merkte einfach dass ich hier nicht hereinpasse, vor allem mit Hinblick auf die japanische Arbeitsweise, die vor mir lag, mit den vielen unnötigen Überstunden und der Arbeit als kleines Rad im Getriebe.

Ich wollte etwas "mit Sinn" machen. Nicht dass das was die Firmen tun sinnlos wäre, aber ich wollte so arbeiten, dass ich die Sachen die ich gelernt habe auch einsetzen könnte und lieber dabei sein etwas mit eigener Anstrengung aufzubauen.

Und nicht nur ewig das zu verwalten, was schon da war, als kleiner "Freshman", der im System zu funktionieren hat.

Hätte ich mich weiter auf dieses Shukastu fokussiert, hätte ich so beinahe das Wesentliche aus den Augen verloren. Und ich merkte ich lag richtig, als dann schließlich das rettende Angebot ins E-Mail Fach flatterte.

Mehr dazu gibt es im nächsten Blogeintrag der Reihe:
"Arbeiten in Japan"


Wenn euch mein Geschreibs gefallen hat, schaut doch mal auf meiner Facebook-Seite vorbei, meinem Social Hub!
Oder auf meinem Insta, meinem erfolgreichsten Kanal!


Oder auf Twitter, wo ich mit bärtigen Autorenkollegen seltsame Themen bespreche!




BONUSSTAGE: Doktor Shukatsu klärt auf!


Doktor Shukatsu: "Vor dem Frühjahr gibt es die ersten Angebote. Sie sollten viel Geld zurücklegen um sich die neusten Anzüge zu kaufen. Denken Sie daran alles zu kaufen. Von den Socken bis zur Armbanduhr!"


Doktor Shukatsu:  "Haben Sie auch nichts vergessen zu kaufen? Zum Beispiel die scheiß Armbanduhr, die jeder Angestellte in Japan braucht? Ohne kriegen Sie keinen Job!"



Doktor Shukatsu: "Sind Ihre Haare auch schön schwarz, wie bei allen anderen? Individuelle Haarfarben sind ein No Go! Da kriegen Sie keinen Job!!! Und die Armbanduhr..."

Doktor Shukatsu: "Rot ist mehr so für die Ingenieure wissen Sie? Und für Leute die immer den Feuer-Starter gewählt haben. Und ich habe gesehen, dass sie ein Schiggy im Team haben! Da geht nur die blaue Krawatte. Sonst kriegen Sie keinen Job! Und denken Sie an die Armbanduhr! Die scheiß Armbanduhr! Ohne gibt es keinen Job!"

Mein Anzug. Ich hatte alles. ALLES! (Außer die scheiß Armbanduhr....)
Die Krawattenklammern meiner Uni habe ich aber extra gekauft und nichts bereut!